Sonntag, 1. Mai 2016

Obama - der "mächtigste Comedian der Welt"?

Die Präsidentschaftsjahre von Barack Obama lassen sich 9 Monate vor seinem Abschied etwa so bilanzieren: "Noch immer sind amerikanische Drohnen völkerrechtswidrig in anderen Ländern im Einsatz, noch immer ist die NSA nicht gezähmt und noch immer Guantanamo nicht geschlossen." Obama beendete die Folterpraxis der CIA, doch er ging nicht gegen die Folterer gerichtlich vor, sondern gegen Whistleblower, die Informationen über sie geliefert hatten. 2009 gewährte Obama allen Regierungsmitarbeitern, die am Folterprogramm beteiligt waren, juristische Immunität. 

Eindeutig auf der Haben-Seite stehen u.a. die Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung ("Obama-Care") sowie eine (nicht immer eingehaltene) Politik der Nicht-Einmischung in die Angelegenheiten fremder Staaten. Dass Israels vom Hass und elitärem Dominanzstreben der Ultra-Ordodoxen seines Landes gesteuerte und emotional beeinflusste Premierminister Benjamin Netanjahu äußerst unzufrieden über die Außenpolitik Obamas und insbesondere über das Atomabkommen mit dem Iran ist, zeigt: Obama hat vieles richtig gemacht mit seiner Strategie der De-Eskalation. Der US-amerikanische Schutz für das von allen Seiten umzingelte Israel sollte nicht infrage gestellt werden (was Obama auch zu keiner Zeit tat), darf jedoch nicht als Blanko-Scheck missbraucht werden, im Gaza-Streifen jegliches Menschenrecht außer Kraft zu setzen Darin liegt ein heikler Balance-Akt für Amerika, den Obama weitaus meisterte als sein als sein evangelikaler Vorgänger, der das Israel von heute mit einem Land aus dem Alten Testament verwechselte, deshalb nach Sharons Pfreife tanzte (und die Feinde Israels wie versprochen eliminierte). Man stelle sich dagegen vor, der "Wir-werden-einen-Kreuzzug-führen"-Präsident George W. Bush hätte sich der Ukraine-Krise stellen müssen. Diesem Gotteskrieger verdankt die Welt bereits einen komplett destabilisierten Nahen Osten, wodurch die Entstehung des IS erst möglich wurde. 

Bush zettelte unter dem Eindruck der Terroranschläge von 9/11 einen "monumentalen Kampf des Guten gegen das Böse" an, während dessen Verlauf sich immer mehr Menschen weltweit fragten, wo denn die Seite des Guten noch vertreten sei. Dass Obama unter dem Eindruck der Folgen dieser Hammer-Nagel-Politik1 seines Vorgängers, seinem Land eine geostrategische Zurückhaltung auferlegte, war mehr als nur nachvollziehbar - es war richtig. Wenn er von Hardlinern und sog. Falken nicht nur innerhalb der USA als "Taube" verlacht wird, spricht in Wahrheit nur für ihn - soweit er diese Haltung denn beibehielt.

Nun aber steht die Zeit des schrittweisen Abschieds Obamas von einem Lebensabschnitt al
s "quasimonarchischer Halbgott"an, wo man sogar die Entführung der eigenen Portugiesischen Wasserhunde befürchten muss (der Secret Service vereitelte dieses verwerfliche Unterfangen, Bo und Sunny sind weiterhin wohlauf, vgl. WELT, Jan. 2016): vergangene Woche hatte er Deutschland besucht, als US-Präsident wohl letztmalig.
Und nun glänzte er zum achten und letzten Mal als Festredner beim jährlichen Correspondents' Dinner (WHCD) im Weißen Haus. F. Stephan (Die Zeit) nennt seine Reden bei der traditionsreichen Gala in Washington "mit großer Wahrscheinlichkeit die acht besten, die an dieser Stelle überhaupt jemals zu hören waren".
Obama spiele im informellen Rahmen dieser Veranstaltung sein rhetorisches Talent, sein Gespür für Timing, seine Selbstironie und seine Popkulturkenntnisse aus: Sogar die Red Wedding kennt er:
Er begrüßt zwei republikanische Senatoren, um dann zu rufen: "Security, versperrt die Ausgänge, Richter Merrick Garland, kommen sie her, wir machen das jetzt sofort." Und dann: "Das wird wie die Rote Hochzeit."
Hmm, ob er als POTUS die Zeit für ein Binge Viewing aller bisherigen Game-of-Thrones-Folgen gefunden hat? Oder nur für den betreffenden Filmausschnitt?

In seiner diesjährigen Rede nimmt er so ziemlich die gesamte politische Prominenz der USA aufs Korn:

  • am meisten aber sich selbst - als ein ergrauender Mann, der auch nachts um drei hellwach ist, weil er dann zwingend zur Toilette muss.
  • "Letztens ist jemand im Weißen Haus über den Zaun geklettert. Aber ich muss dem Secret Service meinen Respekt zollen: Sie haben Michelle schnell wieder zurückgebracht."
  • "Nächstes Jahr um diese Zeit wird jemand anderes hier stehen und es ist immer noch offen, wer sie sein wird."
Natürlich kam Obama auch auf "einen kontroversen Milliardär aus New York"  zu sprechen, welcher gerade den republikanischen Nominierungsprozess dominiert. "The Donald" war recht lange nicht von ihm erwähnt werden, und nun wechselt der Präsident schon zum ernsteren Schlussteil?
"Just kidding!" Es sei doch klar, er müsse noch über Trump reden. 

  • "Wir haben einen Raum voller Reporter! Prominente! Kameras! Und er sagt nein!" Sei das Correspondents' Dinner etwa "zu kitschig" für Trump? "Was macht er nur stattdessen? Isst er ein Trump-Steak? Twittert er Beleidigungen gegen Angela Merkel? Was macht er nur?"

Jedenfalls fehle es Trump keneswegs an außenpolitischer Erfahrung, über die Jahre habe er viele Führungspersönlichkeiten aus aller Welt getroffen:" Miss Sweden,… Miss Argentinia,… Miss Azerbaijan!" Anhaltendes Gelächter im Saal, die "Miss Universe Organization" zählt zu Trumps Geschäftsbeteiligungen.
Ausgesprochen  wertvoll könne Donalds Erfahrung auch sein, "wenn es darum geht, Guantanamo zu schließen. Denn Trump weiß das eine oder andere darüber, wie man Grundstücke am Wasser herunterwirtschaftet."


Beachtet man nur ein wenig die ernsteren Zwischentöne, so wird ebenfalls deutlichObama macht die US-Medien mitverantwortlich für Trumps Erfolg
  • "Ich will nicht zu viel Zeit mit 'The Donald' verbringen. Ich mache es wie ihr und halte mich zurück. Denn ich finde, dass er von Anfang an genau das richtige Ausmaß an Berichterstattung bekommen hat. Ich hoffe, ihr seid alle stolz auf euch. Der Kerl wollte seine Hotels bekannter machen und nun hoffen wir, dass Cleveland bis Juli durchhält." (In Cleveland findet im Juni 2016 der Nominierungs-Parteitag der GOP statt)
Dies ist nicht das erste Mal, dass Obama die US-Medien für ihren Umgang mit Trump kritisiert; Im März kommentierte er die Berichterstattung: "Um diesen Job gut zu machen, reicht es nicht aus, jemandem nur ein Mikrofon hinzuhalten" und damit Plattform für Trumps "spaltende und vulgäre Rhetorik"bereitzustellen:

  • "Es widerspricht nicht eurer Objektivität, wenn ihr Fakten einfordert!"

President Obama Speaks at the White House Correspondents’ Association Dinner   



Zugegeben, bislang hatte ich zu wenig von Obamas Reden gehört, um sein sympathisches Talent als Comedian zur Kenntnis zu nehmen. (Naja, das ist halt mein eigenes Versäumnis, denn nicht nur im Vorjahr hatte er mit seiner WHCD-Rede ebenfalls brilliert: Etwa an de Adresse von Hillary Clinton:
"For many Americans, this is still a time of deep uncertainty. For example, I have one friend -- just a few weeks ago, she was making millions of dollars a year. And she's now living out of a van in Iowa."
Oder in Richtung der Leute, die ihn immer noch für einen Muslim halten: "Being President is never easy. I still have to fix a broken immigration system, issue veto threats, negotiate with Iran - all while finding time to pray five times a day.")


Ob in gut neun Monaten nun entweder eine dröge Lobbyistin des Investment Bankings seine Nachfolge antritt oder eine von politischer Erfahrung gänzlich freie Witzfigur mit orangefarbenem Haarteil, der anstelle von inhaltlicher Substanz mit der Beleidigung von Behinderten und Muslimen 'glänzt' - ich schätze, der charismatische und durchaus integre Barack Obama wird von vielen vermisst werden. Ob man in politischen Entscheidungen übereinstimmt oder nicht - es zeichnet Obama aus, dass er sich in acht Jahren keinen einzigen persönlichen Skandal zuschulden kommen ließ.
Da war weder eine Lewinsky-Affäre samt präsidialer Lüge noch horrender Ausweis von Unfähigkeit, weswegen sogar der Präsidenten-Papa glaubt die Schuld auf die Berater seines Sohnes schieben zu müssen. Etwaigen Apologeten der Präsidentschaften von Bush jun. seien 50 'beste' Zitate von George W. Bush vorgehalten. Mein Favorit, auch wenn er nicht zum Lachen verleitet: "Kein Präsident hat jemals soviel für die Menschenrechte getan wie ich!"

Gleich nach Obama betrat Larry Wilmore die Bühne, der bei Comedy Central die Sendung "The Nightly Show" moderiert - und setzte in Sachen Medienkritik noch eins drauf:
Seine Schmährede fällt so beißend aus, "dass während seiner Rede Buh-Rufe zu hören sind und der schwarze CNN-Moderator Don Lemon eine Attacke Wilmores mit dem ausgestreckten Mittelfinger quittiert" (vgl. SZ)

  • Obamas Treffen mit dem Basketballstar Steph Curry kommentierte er mit den Worten "Das war cool. Und es ergibt auch viel Sinn: Ihr mögt es beide, aus einiger Entfernung Bomben regnen zu lassen." (Von Basketball habe ich keinen Schimmer, aber Curry versteht sich wohl auf Distanzwürfe. Während seiner Rede beim WHCD 2011 waren zwei Hubschrauber mit US-Elitesoldaten auf dem Weg nach Pakistan, um Bin Laden zu fassen oder zu töten. Selbst Kritiker mussten zugeben: Dieser Auftritt war nicht nur "cool", er zeigte die Nervenstärke des Präsidenten.)
  • Noch weniger Begeisterung dürfte ein weiterer Bezug zu den jüngsten Nachrichten nach sich gezogen haben: über sein Publikum: "Ich bin wirklich beeindruckt von den Leuten in diesem Raum. So viele reiche, mächtige Menschen. Es ist wirklich nett, endlich die Namen mit den Gesichtern aus den Panama Papers zusammenzubringen."
Im direkten Vergleich mit TV-Satiriker Larry Wilmore schnitt Barack Obama jedenfalls um Längen besser ab; für meinen Geschmack hat es nichts mit Humor zu tun, wenn man an den ersten (und hoffentlich nicht den letzten) schwarzen US-Präsidenten Worte richtet wie: 
"Yo, Barry, du hast es geschaffen, mein Nigger. Du hast es geschafft." 
Das ist nicht lustig, sondern kommt rüber als beleidigende Provokation ...und dürfte im Nachgang der Veranstaltung für einige Aufregung gesorgt haben.
Dabei meinte Wilmore exakt das Gegenteil , denn gleich zuvor resümierte er mit einigem Pathos: "Und heute kann ein schwarzer Mann der Anführer der gesamten freien Welt sein".

Siehe auch:

Anmerkungen

  1. "Wenn Dein einziges Werkzeug ein Hammer ist, wirst Du jedes Problem als Nagel betrachten." (Mark Twain)
  2. So schnelles und verärgertes Feedback habe ich noch nie erhalten - Grund: Ich hatte den Vornamen des US-Präsidenten falsch burchtabiert, und das gleich mehrfach. Nein, war keine Absicht. Und ist nun korrigiert. Sorry.

Samstag, 12. März 2016

Piercing: "Habe meiner Tochter Magneten an Bauch gehalten"

Den Unternehmer Prof. Henning Zoz kenne ich nicht näher, nur das wenige, das derzeit durch Medien und Netz geistert. 2011 war Zoz als "Manager des Jahres 2011“ für Südwestfalen ausgezeichnet worden, er gilt als innovativ - und bezeichnet sich selbst als "unkonventionell".

Viele stören sich daran, dass Zoz für Mitarbeiter und Besucher von Info-Veranstaltungen einen expliziten Dresscode verhängt:

"Wir richten uns nicht an Menschen mit bunten Haaren, Blech im Gesicht und jene, die die Füße nicht heben und die Hose kaum auf den Hüften halten können und/oder eines ordentlichen Sprachgebrauches kaum mächtig sind."
Derlei Vorgaben muss man nicht mögen, doch sie sind nicht rechtswidrig. Wer das Hausrecht innehat. darf sich seine Gäste und Besucher halt aussuchen. Diskriminierung? Schwierig, solange nicht nach 'Rasse', Hautfarbe oder Überzeugungen selektiert wird.

Was der Herr Professor indessen seiner Tochter angetan hat, empfinde ich als weitaus größeren Anlass zur Entrüstung:

Voller Stolz erzählt Zoz in einem mit der WELT geführten Interview (9.3.16):
"Das kann ich Ihnen sagen, meine minderjährige Tochter hat sich mal ein Bauchnabelpiercing machen lassen, als ich gerade auf Reisen war. Ich habe die Reise vorzeitig abgebrochen und ihr zur Begrüßung einen großen Magneten an den Bauch gehalten. Da war das Gejammer groß. Aber das Piercing kam weg." 
Mir ist - mangels einer Erfahrung im Umgang mit Piercings - nicht ganz klar, welche Auswirkungen dies hatte. Doch stellt dieser Vorgang zumindest eine versuchte Körperverletzung dar - dafür darf man sich heute feiern lassen? 

Verdrehte Welt

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Was soll dieser Javascript-Zwang?

Wie viele mäßig vorsichtige Internet-User habe ich Javascript im Browser standardmäßig deaktiviert: Tools wie Noscript gestatten jedoch eine individuelle Einstellung für jene Webseiten, denen man vertraut.

Mit dieser Vermeidung von Sicherheitslücken nimmt man in Kauf, dass manche visuelle Elemente nicht angezeigt und bestimmte Funktionen nicht genutzt werden können. 
Doch viele Content-Anbieter leiden an einer 'Zwangsstörung': inzwischen gehen immer mehr Seitenbetreiber dazu über, ihren Besuchern ein Alles-Oder-Nichts-Prinzip aufzuwingen. Hierzu wird der Text (für dessen Anzeige nur in den seltensten Fällen Javascript aktiviert sein müsste) mit hässlichen roten Balken o.ä. unleserlich gemacht - bis auf den freundlichen Hinweis 
"...ist für die Nutzung mit JavaScript ausgelegt. Bitte aktivieren Sie JavaScript in Ihrem Browser!
Auf der MoPo-Webpräsenz wird dieser Zwang besonders auffällig visualisiert: der Text im Hintergrund verschwindet nicht vollständig, sondern verschwimmt bis zur Unkenntlichkeit. Klar, wer überhaupt noch unentgeltlich Beiträge ins Netz stellt, will natürlich nicht, dass etwaige Werbung und/oder Datensammlungen für Statistiken unterbunden werden.
Schon im Jahr 2001 hatten Datenschützer den  Zwang zu Cookies, Javascript und ActiveX kritisiert (Heise.de). Die Deutsche Vereinigung für Datenschutz eine Schwarze Liste von Webseiten führen, welche das Akzeptieren 'aktiven Inhalten' verlangen. 

In der Praxis müssen User sich häufig entscheiden: Verzichten sie auf den Besuch der betreffenden Homepage, oder schalten sie das ungeliebte JavaScript  ein - obwohl es zum Lesen von Textbeiträgen etc. im Grunde überflüssig und zudem ein Einfallstor für sog. 'Day-0 Exploits' und sonstige Malware ist.

"Eine Umfrage mit Javascript-Zwang ist eine Umfrage mit deutlich weniger Antworten."

Wie so oft unterschätzen Verbraucher auch in diesem Kontext ihre 'Macht': Würde eine ansehnliche Mehrheit von Internetnutzern sich dem riskanten Klicki Bunti -Schrott samt Zappelgifs verweigern, wären die Anbieter wohl benutzerfreundlicheren Konzepten gezwungen. Doch leider siegt auch hier meist die Bequemlichkeit. Zudem kann man ohne Javascript den Zugang zu Portalen wie Facebook komplett vergessen (vermute ich mal) ...aber in deren Nutzung erweist sich heutzutage offenbar das Menschsein schlechthin...

Naja, das muss letztlich jeder für sich selbst entscheiden ... ein Javascript-Zwang ist für mich fast immer ein guter Anlass zum Verlassen der Seite. Kann und will ich denn ganz ohne MoPo und Fbook leben? Öhm..., ja.

Bei Google wird's schon schwieriger, denn andere Suchmaschinen zeigen meist auf den ersten 5 -10 Seiten exakt das an, was ich nicht gesucht habe. Immerhin lässt sich die Google-Suchfunktion auch mit deaktiviertem Javascript nutzen, wenn auch nicht ganz so komfortabel; Auto-Vervollständigung und Anzeige von Ergebnissen noch beim Eintippen geht dann nicht.

Donnerstag, 24. September 2015

Heute (24.9.) Weltuntergang? Nicht schon wieder...

Im April 2015 zeichnete sich ab: Es geht wieder los: "Prediger sicher: Roter Blutmond zu Ostern ist ein Zeichen Gottes - Faszinierendes Naturschauspiel".  
Auf Fischinger Online wurden gleich zwei Blog-Beiträge ins Netz gestellt:
  • 8.6.: "Am 24. September 2015 kommen der Weltuntergang und Jesus Christus über die Erde! Alle Ungläubigen werden zerschmettert und die Gläubigen 'entrückt'." 
  • 22.9.:"Das Jüngste Gericht ist nahe! Eine „Mormonen-Priesterin“ in den USA glaubt, dass noch in diesem Monat der Weltuntergang beginnt."
Lars Fischinger setzt sich durchaus kritisch-ironisch mit dieser neverending story auseinander:
"Endlich wieder ein Weltuntergang. Endlich wieder die wildesten Aussagen im Internet."
Aufgrund vieler Anfragen, erklärt Fischinger, habe er sich dann doch entschlossen, ein eigenes Video-Statement über diesen neuerlichen Weltuntergang samt Entrückung der Gläubigen und Gehorsamen zu publizieren. Und mehr als 66.000 Klicks auf YT zeigen, dass sich wiederum etliche Leute für die düsteren Warnungen interessieren.

Trotzdem - ich mag nicht mehr. Ich mochte schon 2012 nicht, als große Teile der Dauerpanik-Fraktion im Internet monatelang am Rad drehten.

Anstatt uns um die Hallus selbsternannter Endzeitprediger zu sorgen, sollten wir uns endlich mit langfristiger wirksamen, dafür aber realen Bedrohungspotenzialen befassen.

Mittwoch, 23. September 2015

Stationierung neuer US-Nuklearwaffen in Deutschland

22.9.15. Nach einem Bericht des ZDF-Magazins "Frontal 21" sollen 20 neue amerikanische Atombomben vom Typ B61-12 auf dem Bundeswehr-Fliegerhorst Büchel in Rheinland-Pfalz stationiert werden. (Vgl. Focus,21.9.)


B61

Diese taktischen Nuklearwaffen vom Typ B61-12 seien wesentlich zielgenauer sind als die Atombomben, die bislang in Büchel lagern und hätten zusammen die Sprengkraft von 80 Hiroshima-Bomben:
Im 
Juli 2015 hatte das US-Militär von der Nellis AFB aus einen den ersten Abwurftest mit der neuen B61-12 LEP durchgeführt. LEP steht für Life Extension Program, das seit Februar 2012 durchgeführt wird, um vorhandene B61-Atombomben aufzuarbeiten und mit einem Steuerteil im Heck zu versehen. Damit wird die Präzision der mit einem 50-Kilotonnen-Sprengkopf versehenen Bombe erhöht. Die Atombombe soll ältere Modelle vom Typ B61-3,- 4,- 7 und -10 ablösen.(Vgl. "Erster Abwurftest mit der Atombombe B61-12", flugrevue.de)

Die NATO unterhält in Europa sechs Standorte für US-Atomwaffen, auf denen ca. 180 US-amerikanische Nuklearwaffen werden dort gelagert: Büchel in der Eifel, Kleine Brogel in Belgien, Volkel in den Niederlanden, Aviano und Ghedi in Italien und in Incirlik in der Türkei. In Aviano entsteht eine ganz neue Sicherungsanlage, die zwölf Flugzeugschutzbauten umgibt, von denen höchstwahrscheinlich elf je ein unterirdisches Magazin zur Lagerung atomarer Waffen enthalten. Insgesamt mehren sich die Anzeichen, dass diese Standorte für weitere Jahrzehnte Atomwaffen beherbergen sollen und dafür mit viel Geld modernisiert werden. Parallel beginnen in diesem Jahr auch die US-Arbeiten zur Anpassung des Tornados an die neue Nuklearwaffe B61-12 ...folgerichtig zerbricht sich die Bundeswehr bereits den Kopf, wie die Flugzeuge dieses Typs auch über das Jahr 2025 oder 2030 hinaus in Dienst gehalten werden können. (Vgl. "Upgrades At US Nuclear Bases In Europe Acknowledge Security Risk", facs.org, 10.9.)

Die Frage nach der grundsätzlichen 'Notwendigkeit' zur Stationierung amerikanischer Atomwaffen in Mitteleuropa vermag ich vom militärischen Standpunkt (Kräftegleichgewicht, Reaktionsgeschwindigkeit etc.) kaum zu beurteilen. Hierzu müssten genaue und aktuelle Angaben über das konventionelle und nukleare Bedrohungspotenzial auf russischer Seite analysiert werden.

Zwei andere Aspekte aber geben Anlass zur Besorgnis:
  • Taktische Kernwaffen (oder 'nukleare Gefechtsfeldwaffen') sollen ähnlich wie konventionelle Waffen zur Bekämpfung gegnerischer Streitkräfte eingesetzt werden. Ihr Wirkungskreis und in der Regel auch die Sprengkraft sind deutlich geringer als bei strategischen Waffen. Der geringe Wirkradius soll einen Einsatz relativ nahe an den eigenen Positionen erlauben. Anders ausgedrückt, diese Dinger dienen nicht nur einem Abschreckungsszenario wie die ICBMs, sondern sie sollen im Ernstfall wirklich zum Einsatz kommen
  • Die Konfrontation zwischen Russland und der NATO befindet sich längst in einer gefährlichen Eskalationsspirale. Ausgerechnet jetzt die (evtl. schon längerfristig geplante?) Modernisierung von Atomwaffen in Europa zu kommunizieren, wird die Spannungen nur weiter verschärfen.
Ausführlichere Infos unter: "Atomwaffen-Modernisierung in Europa - Das Projekt B61-12, eine Studie von von Otfried Nassauer und Gerhard Piper am BITS BITS - Berliner Informationszentrum für transatlantische Sicherheit (als Pdf)