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Dienstag, 18. Dezember 2012

Luther gegen den Papst (Doku)

ARTE-Dokumentation über Martin Luther und seine Zeit

In gut 90 Minuten wird recht weit ausgeholt, anstatt allein die teilweise zu beobachtende Korruption innerhalb der katholischen Kirche als alleinige Ursache für die von Martin Luther letztlich ungewollt eingeleitete Kirchenspaltung darzustellen. Gut so, denn nur im Kontext eines in den autonomen Städten Italiens allmählich beginnenden Gesinnungswandels lässt sich die Resonanz auf Luthers Werk vollständig verstehen.

Freilich fand Luther eine Kirche vor, deren Leitung sich mit Händen, Füßen und Gewalt gegen dringend notwendige Reformen zur Wehr setzte, nachdem die innerkirchliche Erneuerungsbewegungen vorheriger Jahrhunderte zwar Erfolge vorzuweisen hatte, aber das Antlitz der Kirche insgesamt kaum hatte beeinflussen können.
                 

Siehe auch: 



Donnerstag, 8. November 2012

"Warum ich kein Christ bin" - Bertrand Russell



Der Philosoph, Logiker, Mathematiker und Sozialkritiker Bertrand Russell (1872 - 1970) studierte Mathematik und Philosophie und war bis 1916 als Dozent für Logik und Mathematik tätig. Massgeblich beeinflusst wurde er durch Ludwig Wittgenstein. Aufgrund seines aktiven Pazifismus verlor Russell seine Dozentur und verbüßte 1917 eine Gefängnisstrafe wegen eines Zeitungsartikels.
1922/23 wurde er als Kandidat für die Parlamentswahlen aufgestellt. Seine Professur am College of the City (New York) wurde 1940 durch die Anti-Russell-Bewegung verhindert, die ihn u.a. wegen seiner Forderung nach gesetzlicher Tolerierung der Homosexualität angriff. Doch nach 1944 erhielt er einen Lehrauftrag in England und seine Reden wurden im Rundfunk übertragen. 


1950 wurde ihm für seine wissenschaftliche Prosa der Nobelpreis für Literatur zuerkannt. Russell trat der er aktiv für die atomare Abrüstung ein und gründete 1958 die "Campaign for Nuclear Disarment", deren der Präsident er wurde. Noch mit 88 Jahren wurde er 1961 wegen "Aufhetzung der Öffentlichkeit gegen die Staatsgewalt" nach Teilnahme einem Sitzstreik zu zwei Monaten Haft verurteilt, aber nach öffentlichen Protesten bereits eine Woche später wieder entlassen. 

1966 gründete er das Internationale Tribunal gegen Kriegsverbrecher, das ein Jahr später in Schweden als ‘Russell-Tribunal’ wegen des Vietnamkrieges verhandelte.--

Russel, beeindruckt von der Gewissheit der mathematischen Erkenntnis, der Sinneserfahrung und der Naturwissenschaften, beteiligte sich u.a. auch am 'Programm des Logizismus': Dessen Ziel bestand darin, alle mathematischen Begriffe durch Definitionen auf Begriffe der Logik zurückzuführen und alle mathematischen Theoreme auf der Basis solcher Definitionen zu beweisen - allein durch logische Prinzipien.


Innerhalb dieses Paradigmas war es für ihn folgerichtig, Religionen als unwahr und schädlich in ihren Auswirkungen zu kritisieren. Unangemessen und schädlich ist war seiner Auffassung nach z.B., dass ein unerschütterlicher Glaube als Wert angesehen wird. Wo im Interesse des Glaubens alle Gegenargumente, die Zweifel verursachen könnten, unterdrückt werden, tritt eine Verhärtung gegensätzlicher Ideologien - wodurch der den Boden für Hass und Glaubenskriege bereitet werde. 


Eine einseitig religiöse Unterrichtung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen bewirke, dass die geistige Entwicklung der Jugendlichen beeinträchtigt werde. In letzter Konsequenz "werden sie erfüllt von fanatischer Feindschaft gegenüber denen, die einem anderen Fanatismus anhängen oder, was noch schlimmer ist, gegenüber denen, die Fanatismus überhaupt ablehnen". Dagegen sei eine Haltung, die Überzeugungen aus Beweisen und kausalen Zusammenhängen entwickelt, geeignet meisten Übel auf der Welt leidet zu kurieren.

Ein Weiterleben der Seele nach dem Tode hält Russel schlicht für Wunschdenken; er begründet dies mit dem neurobiologischen Wissen seiner Zeit: Eine Gehirnverletzung sei imstande, das Gedächtnis eines Menschen zeitweilig oder dauerhaft zu löschen - darin liege ein Beleg für den unlösbaren Zusammenhang von Körper und Geist.


Russel setzte sich kritisch mit dem Christentum auseinander und 
veröffentlicht 1927 den Aufsatz Warum ich kein Christ bin’ (pdf).


Russells Auffassung lässt sich prägnant durch folgende Zitate zusammenfassen:


Die 10 Gebote des Liberalismus

1. Fühle dich keiner Sache völlig gewiss.

2. Trachte nicht danach, Fakten zu verheimlichen, denn eines Tages kommen die Fakten bestimmt ans Licht

3. Versuche niemals, jemanden am selbständigen Denken zu hindern; es könnte dir gelingen.

4. Wenn dir jemand widerspricht, und sei es dein Ehegatte oder dein Kind, bemühe dich, ihm mit Argumenten zu begegnen und nicht mit der Autorität, denn ein Sieg der Autorität ist unrealistisch und illusionär.

5. Habe keinen Respekt vor der Autorität anderer, denn es gibt in jedem Fall auch Autoritäten, die gegenteiliger Ansichten sind.

6. Unterdrücke nie mit Gewalt Überzeugungen, die du für verderblich hälst, sonst unterdrücken diese Überzeugungen dich.

7. Fürchte dich nicht davor, exzentrische Meinungen zu vertreten; jede heutige Meinung war einmal exzentrisch.

8. Freue dich mehr über intelligenten Widerspruch als über passive Zustimmung; denn wenn die Intelligenz so viel wert ist, wie sie dir wert sein sollte, dann liegt im Widerspruch eine tiefere Zustimmung.

9. Halte dich an die Wahrheit auch dann, wenn sie nicht ins Konzept passt; denn es passt noch viel weniger ins Konzept, wenn du versuchst, sie zu verbergen.

10. Neide nicht denen das Glück, die in einem Narrenparadies leben; denn nur ein Narr kann das für ein Glück halten.

(Bertrand Russell, New York Times, 16.12.1951)
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Ohne Russels religions- und auch glaubenskritische  Haltung im Kern teilen zu müssen, fällt es nicht schwer, dieses Grundgerüst einer liberalen Ethik zu bejahen. Freilich wird dadurch ein sehr hoher Anspruch an jeden von uns gestellt.
Es ist nicht der Glaube an einen Gott, der für Hass und Glaubenskriege verantwortlich ist, sondern die bornierte Wahnvorstellung zu vieler Menschen, ihre eigene Anschauung anderen aufzwingen zu wollen oder gar 'zu müssen'.


Diese Tendenz kennen wir sowohl aus dem Umfeld der  Religionen als auch von atheistischen bzw. agnostischen Gruppierungen und Regimen. Wer letzteres glaubt widerlegen zu können, mag sich etwas eingehender z.B. mit der Zeit des Stalinismus befassen...

Montag, 27. August 2012

Die Geschichte christlicher Gewalt - Martin Stöhr

Einseitig aufbereitete Texte, gerade wenn sie ein kritisches, negativ besetztes Themengebiet behandeln, schätze ich nicht sonderlich. Andererseits sind Gewaltakte seitens oder auf Veranlassung religiöser Institutionen als geschichtliche Tatsache nicht von der Hand zu weisen, daher dürfen die historischen Fakten meiner Auffassung nach weder verdrängt noch ausgeblendet werden.
Doch ist es ebenso schädlich, wenn eine tendenziöse Darstellungsweise und subtile Wortwahl den Eindruck zu erwecken suchen, als sei Gewalt und Schrecken so ziemlich das einzige, was Religionen hervorgebracht hätten.

Die Abhandlung "Die Geschichte christlicher Gewalt" von Martin Stöhr eignet sich insoweit als Einstieg in die Auseinandersetzung mit einer Religion, deren Theologie eine klare Botschaft des Friedens, der Gerechtigkeit und der Gewaltlosigkeit in den Vordergrund stellt. Dass insbesondere das Alte Testament (AT) in Teilen vor Tod und Gewalt trieft, tut dem keinen Abbruch.

Unangebracht dagegen ist die "christliche Tradition, sich selbst als ’Religion der Liebe’ zu deklarieren und das Judentum mit der Rede von einem ’rachsüchtigen und gewalttätigen Gott’ abzuwerten".

Stöhr zeigt den Irrtum auf, welcher auf der Annahme beruhe, dass im AT allein  ’Krieg’ und ’Gewalt’ dominieren, während und ’Liebe’ und ’Frieden’ dem Neuen Testament vorbehalten seien.

Er beschreibt den erstaunlichen, ja unverständlichen Wandel des Christentums von einer verfolgten jüdischen Sekte bis hin zur dominanten, gewaltbereiten Staatsreligion und Konstantin 'dem Großen' und in den Jahren danach (unter Kaiser Theodosius I (379–395)).
Für Konstantin zählte dabei nur, welcher der militärisch stärkere Gott war und welche Gruppierung als politischer Machtfaktor zu berücksichtigen war.  

Für ihn galt das selbe Prinzip wie für viele weltliche Machthaber nach ihm: Eine verbündete und vor allem einheitlichen Religion und kirchlicher Monopolanspruch stärkten den eigenen Machtbereich ganz erheblich. Unter Theodosius I. sei eine theologisch korrekte christliche Lehre zum Staatsgesetz erhoben worden. Was eine Irrlehre ist, definierten die Bischöfe oder Synoden.

Die Verfolgung der Häretiker, später der Heiden und Juden, wird zur Aufgabe der staatlichen Gewalt oder des Volkes, dem man Sündenböcke zeigt...

Stöhr betont allerdings, dass der Wunsch einer einheitlichen christlichen Religion auch auf einer tiefen christlichen Sehnsucht beruhte: ’auf dass alle eins seien’.
Doch zugleich manipulierten die machtbewußten Eliten auf klerikaler wie säkularer Seite geschickt den Zorn der entstehenden 'römischen' Kirche gegen Andersgläubige für ihre Zwecke, der "zuerst den Häretikern, dann den Heiden und zuletzt den Juden" gegolten habe.

Das Verhältnis zwischen Christen- und Judentum wird durch katholische Polemik gegen das Judentum auf die Ablehnung und spätere Hinrichtung Jesu "durch das jüdische Volk" reduziert. Dieser kollektive Vorwurf soll die römische Staatsgewalt ent- und das  das jüdische Volk belasten.
"Diese christlichen Bündnisse mit der Staatsmacht auf Kosten des Judentums vergiften die jüdisch-christlichen Beziehungen auf fast 2000 Jahre."


Im Lauf der Jahrhunderte, so Stöhr weiter, habe eine bemerkenswerter Akzentverschiebung stattgefunden: Immer weniger sei mit dem Gebot 'Du sollst nicht morden' (so lautet offenbar die korrekte Übersetzung oder mit der biblischen Ethik gegen die Allmacht weltlicher Herrscher argumentiert worden. Die Aufforderung aus der Apostelgeschichte ’...man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!’(Apg 5,29) trat hinter einen verkürzten Vers aus dem Römerbrief zurück: ’Seid untertan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat’ 1 .


Auch Karl der Grosse (768–814) knüpfte erneut an die Traditionen des römischen Reiches an - er war bestrebt, die religiöse Einheit in seinem Reich zu erwirken und stellte zugleich Kirche und Religion in den Dienst des Staates. Teile der Sachsen werden mit grausamer militärischer Gewalt unterworfen, christianisiert und 'eingegliedert'. Nicht das 'gepredigte Wort Gottes' brachte den Glauben; vielmehr wurde dieser brutalst mit Feuer und Schwert erzwungen. Heidnische Kultorte und Heiligtümer wurden weitestgehend zerstört.
Dass Karl sich Glanz und Autorität von biblischen Gestalten wie David und dem Priesterkönig Melchisedek (Gen 14, Hebr 5, 6) entlieh, blieb in der europäischen Geschichte kein Einzelfall. 

Wie aber gelang das Kunststück, die gewaltsame Nötigung andersgläubiger Menschen nicht mit Stellen aus dem AT, sondern unmittelbar aus den Evangelien zu rechtfertigen?
Unter anderem hatte der afrikanische Kirchenvater Augustinus v. Hippo in seiner Auseinandersetzung mit den Donatisten sowie seine 'Lehre vom gerechten Krieg' wertvolle Vorarbeit geleistet, indem er ein Gleichnis Jesu geschickt als als Rechtfertigung verwendete:
In der lateinischen Bibelübersetzung Vulgata wurde die Einladung Jesu zum "eschatologischen Festmahl" (Lukas 14, 23)2 an die die sozialen Außenseiter und gesellschaftlich Verachteten in Zwang verwandelt: ’Cogite intrare! Zwingt sie, einzutreten!’  

Stöhr spannt nicht nur den weiten Bogen bis zu den Kreuzzügen - er arbeitet auch heraus, wie in der Christenheit eindringliche Begrenzungen der Gewalt gefordert werden - nicht erst seit den mittelalterlichen Erneuerungs- und Armutsbewegungen. 
"Die Botschaft Jesu ist nicht ganz vergessen."
Freilich wurde ein Teil dieser Bemühungen um innerkirchliche Erneuerung (vgl. 'Franziskaner als Sozialrevolutionäre') und Rückbesinnung kategorisch als Irrlehre gebrandmarkt - insbesondere da, wo Päpste und Kurie ihren eigenen Machtanspruch in Zweifel gezogen sahen. Allgemein seien Aktionen gegen Gewalt innerhalb der christlichen Geschichte allerdings eine Minderheitenposition.-
"Mehrheitlich findet eine Anpassung an die herrschende Macht statt oder eine Instrumentalisierung isolierter christlicher Motive wie z.Zt. in der Kriegsrhetorik von George W. Bush oder bei den fanatischen Gegnern in Nordirland."
In seinem Artikel begeht Martin Stöhr nicht den häufig anzutreffenden Fehler, sich im Stiel der Boulevard-Presse auf die allgemein bekannten 'Highlights' wie Hexenverbrennung und Vernichtung der Katharer zu stürzen. Statt dessen wird eine Entwicklung hin zur biblisch scheinbar legitimierten Gewalt beschrieben.

Aus meiner Sicht ist seine Darstellung so ausgewogen, wie es ein derart heikles Thema nur zulässt.
Allerdings geraten m.E. die Attribute 'christlich' und 'römisch-katholisch' etwas durcheinander: Sofern bezüglich der ersten Jahrhunderte von christlicher statt katholischer Gewalt die Rede ist, ensteht ein pauschaler und insoweit unzutreffender Eindruck: Nicht nur unter den Gnostikern gab es sehr wohl christliche Strömungen, Gruppen und Gemeinden, die dem pazifistischen Ethos der Anfangsjahre konsequent die Treue hielten.




Anmerkungen:
Der Vers lautet vollständig: "Jedermann sei untertan der ObrigkeitA, die Gewalt über ihn hat. Denn bes ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet." (Röm 13,1 Lut,1984)

2 "Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde. (Lk 14, 23; Lut,1984)"


Sonntag, 26. August 2012

Der Teufel bei den Katharern und den Hexen

Daniela Müller greift eine in der Forschung wie auch in populärer Literatur über die religiöse Bewegung der Katharer und ihre Verfolgung bzw. Vernichtung seitens der katholischen Kirche durchgängig anzutreffenden Annahme auf:
Lange galt als gesichert, dass bald nach dem Albigenser-Kreuzzug in Südfrankreich die Hexenverfolgungen begonnen hätten, um die Katharer endgültig auszumerzen.

Bekanntlich starben die ‘Ketzer’ Okzitaniens auf den Scheiterhaufen der Inquisition, in weltlichen und kirchlichen Gefängnissen; sie wurden über Landesgrenzen hinweg verfolgt und geächtet – bis um ca. 1320 in ganz Mitteleuropa (mit Ausnahme Bulgariens) kein Katharer mehr seinen Glauben öffentlich ausübte.

Die vereinzelt vorkommende Rückkehr zum katholischen Glauben und in den Schoß der liebenden Mutter Kirche rettete den ‘Ketzern’ zwar das Leben, nicht aber ihre Existenzgrundlage, ihre Güter und ihre gesellschaftliche Stellung.
Ein insoweit plausibel erscheinender Zusammenhang zwischen Katharer- und  Hexenverfolgung sei aufgrund der Fälschungen des Historikers Etienne de Lamothe-Langon als bewiesen angenommen worden. Dieser hatte in seiner Histoire de l’Inquisition en France um 1829 eine Reihe von Massenprozessen gegen  „Hexen“ in Toulouse und Carcassonne durchgeführt geschildert, denen Hunderte von Menschen zum Opfer gefallen sein sollten.
Nachdem sie knapp 150 Jahre lang in allen einschlägigen Werken bereitwilltig zitiert wurden, konnte die von Lamothe überlieferten Textquellen in den 1970er Jahren als Fälschung entlarvt werden.

Es scheint jedoch, als sei das Werk von Lamotte nicht der einzige konkrete Hinweis auf einen solchen Zusammenhang:Eine Hausarbeit über die Rolle des Domikikaner-Ordens in der Ketzerbekämpfung legt beispielsweise dar, diese habe bereits mit der „Ketzermission“ des Dominikus in Okzitanien begonnen. Schließlich sei der 1217 durch Papst Honorius III.
anerkannte „Ordo fratrum Praedicatorum“ durchaus zu diesem Zweck ins Leben gerufen worden.
In Ihrer o.a. Abhandlung hinterfragt Müller, ob der angenommene Kausalzusammenhang zwischen Katharern und Hexen weiterhin Bestand habe. Eindeutige Quellen dazu gebe es nicht, aber:
Die Inquisitoren, die als erste gegen vorgebliche Hexen ermittelten, entstammten ja dem Orden der Dominikaner und waren somit bestens mit den Lehrmeinungen der Katharer vertraut 
Es sei daher geboten, mögliche Einflüsse der katharischen Lehre vom Bösen und über den Satan auf die spätere „Hexenlehre“ zu untersuchen.
Ein zentrales Element der katharische Theo­logie bildet die Erzählung vom Fall der Engel (‘Engelssturz’), der in seiner gnostischen Lesart Bezug auf das NT, Offb. 12,7-9 nimmt:
7 Und es entstand ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen; und der Drache und seine Engel kämpften;
8 aber sie siegten nicht, und ihre Stätte wurde nicht mehr im Himmel gefunden.
9 Und so wurde der große Drache niedergeworfen, die alte Schlange, genannt der Teufel und der Satan, der den ganzen Erdkreis verführt; er wurde auf die Erde hinabgeworfen, und seine Engel wurden mit ihm hinabgeworfen.
(Offenbarung d. Johannes 12, 7-9, Schl. 2000)

Von hier aus wird erfolgt die Begründung des spezifischen katharischen Dualismus begründet – entweder in seiner radikalen oder seiner gemäßigten Form.
“Luzifer wird, in Analogiebildung zu Gott und Jesus, seinem Sohn, als Sohn des bö­sen Gottes aufgefasst, der sich in einen Engel des Lichts verwandelt und wegen seiner großen Schönheit von den Engeln Gottes geliebt und vom Herrn als Verwalter ein­gesetzt wird. Mit seiner Verschlagenheit aber täuscht er die Engel, bringt sie zur Sünde und zieht sie aus dem Himmel weg.”
Die Annahme eines vollkommenen ‘Guten Gottes’ und eines unvollkommenen, schlechten Gottes (Demiurg) ist ein wesentlicher Grundstein aller der Gnosis zugerechneten Strömungen, auch des Katharismus.
Durch eine Akzentverschiebung trete zunehmend das Motiv der Verführung der Engel durch List und Tücke des Luzifer an die Stelle des gewaltsamen Kampfes. Nun erscheint nun auch die Frau – nicht überraschend, zumal List und Täuschung in der christlichen Tradition meist der Frau zugeordnet wird.  
Daniela Meyer beschreibt sehr detailliert eine interessante Entwicklung, durch die einem weiblichen Himmelswesen als ‘Gehilfin des Teufels’ die Schuld am Engelsturz zugeschrieben werde (vgl. Brevis summula).
Neben der das Weibliche entwertenden Vorstellung steht bei den Katharern auch Eva nach Berichten katholischer Polemiker vereinzelt in „besonderer“, nämlich geschlechtlicher Nähe zum Teufel:
”…in Geständnissen vor der Inquisition ist gleiches zu lesen, … dass aus dem Geschlechtsverkehr des Teufels mit Eva Kain, aus dem Adams mit ihr Abel entstanden sei.”
Bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts war in Südfrankreich dagegen keine geschlechtsspezifische Schöpfungsge­schichte überliefert. Der Teufel erschuf die Körper der Menschen und schloss darin gefallene Engelsee­len ein. Von der Erschaffung Adams und Evas nur gesagt, dass Satan, bzw. Luzifer beide Körper gemacht habe.
Männliche und weibliche Körper gehen auf das Werk des Teufels zurück; im Reiche des Guten Gottes gebe es keine Geschlechtsunterschiede. 

Somit wurde eine Geschlechtsverbindung von Satan und Frau, bzw. weiblichem Wesen vor allem bei den italienischen Katharern angenommen – diese Versionen katharischer Vorstellungen waren auch den Dominikanern bekannt.
(So allmählich ahnt man, worin der Zusammenhang zu den vermeintlichen 'Hexen’ späterer Jahre besteht, denen ebenfalls nachgesagt wurde, sie paarten sich mit dem Teufel und seinen Dämonen:)
“Von hier aus könnte ein besonderes Interesse in dominikanischen Kreisen an einer Verbindung Frau und Teufel bestanden haben, was den Weg für entsprechende Bausteine der Hexenlehre geebnet haben könnte.”--
Eines ist mir dabei unklar: Falls es sich bei der abwertenden Haltung in Teilen des Katharismus nicht nur um eine böswillige Polemik ihrer Ankläger handelte, weshalb wurden dann gerade bei den Katharern Frauen mit besonderer Verantwortung für soziale Einrichtungen, aber auch geistlicher Natur betraut?

Pervertierte Öffentlichkeitsarbeit:
Nach den Katharern waren die 'Hexen' an der Reihe


Diese Lehrmeinung über den Bezug des Teufels zur Frau schlechthin mag ein verhängnisvoller Auslöser dafür sein, dass sich der Glaube an eine übernatürliche Hexerei bis etwa zum Jahre 1230 durchsetzte. Von da an beschäftigte man sich 'wissenschaftlich'  mit Zauberei und Hexerei
Auch wenn man glaubte, alle Frauen von Natur aus schlecht und triebhaft seien, sollten bestimmte Körpermerkmale als Indikator dafür dienen, dass einzelne 'verdorbene Weiber' Unzucht mit dem Teufel ("Teufelsbuhlschaft) trieben. Nach solchen absurden Vorstellungen waren rotes Haare, tief liegende Augen sowie Sommersprossen und Warzen besonders verdächtig...

Es dauerte ganze hundert Jahre, bis Papst Johannes 22. um 1326 festlegte, dass neben der Ketzerei nun auch die Hexerei gerichtlich verfolgt werden sollte. (Katharer gab es seit etwa 1320 keine mehr, die man noch zur Einschüchterung des Volkes nach inszenierten Schauprozessen hätte öffentlich verbrennen können. 
Es mag etwas polemisch klingen, den damaligen Päpsten und Inquisitoren diese Motivation der 'Zielgruppenfestigung' zu unterstellen - doch es ist nun mal belegt, dass im südfranzösischen Okzitanien ganze Dorfgemeinschaften zwecks Abschreckung gezwungen wurden, öffentlichen Hinrichtungen von Häretikern beizuwohnen.

Die systematische Hexenverfolgung setzte ein, als Innozenz VIII. 1484  in der der sog. Hexenbulle (Summis desiderantes affectibus) die Handlungen und Vergehen aufführte, die als 'hexentypisch' anzusehen waren. Die Bulle verlieh zwar die Vollmacht zur Zurechtweisung, Inhaftierung und Bestrafung verdächtiger Personen, jedoch nicht zur Hexenverbrennung.
"Zusammenfassung von Hansen 1901: Papst Innozenz VIII. (Dominikanermönch Heinrich Kramer) ermächtigt die beiden in Deutschland tätigen Inquisitoren Heinrich Institoris und Jacob Sprenger [ebenfalls Mitglied des Dominikanerorden], gegen die Zauberer und Hexen gerichtlich vorzugehen. Er erklärt den Widerstand, den dieselben seither in Kreisen von Klerikern und Laien bei dieser Tätigkeit gefunden haben, für unberechtigt, da diese Verbrecher tatsächlich unter die Kompetenz der Ketzerrichter gehören, und beauftragt den Bischof von Straßburg, die den Inquisitoren etwa entgegengesetzten Hindernisse durch die Verhängung kirchlicher Zensuren zu beseitigen."

Der Hexenhammer (malleus maleficarum) des Dominikaners Heinrich Kramer knüpfte 1487 möglicherweise an die vorgeblich in katharischen Schriften zu findende Minderwertigkeit der Frau an - nun wurde auf die Urgeschichte des Alten Testaments im 1.Buch Mose verwiesen:
Frauen seien schon bei der Schöpfung benachteiligt gewesen, weil Gott Eva aus Adams Rippe schuf. Außerdem wurden den Frauen Defizite im Glauben vorgeworfen, die als „Feind der Freundschaft, eine unausweichliche Strafe, ein notwendiges Übel, eine natürliche Versuchung, eine begehrenswerte Katastrophe, ..., einen erfreulichen Schaden, ein Übel der Natur“ bezeichnet werden.
 
Zu den Opfern der Hexenverfolgung heißt es hier:
"Nach neueren Forschungen und umfangreichen Auswertungen der Gerichtsakten geht man davon aus, dass die Verfolgung in ganz Europa etwa 40.000 bis 60.000 Todesopfer forderte. Etwa 25.000 Menschen wurden auf dem Boden des Hl. Römischen Reichs Deutscher Nation [...] hingerichtet." 
Eine andere Zahl verdeutlicht das Ausmaß besser: Insgesamt soll etwa drei Millionen Menschen der Prozess gemacht worden sein, wobei Enteignungen zum Wohle der Kirche und Haftstrafen am zahlreichsten waren.-








Donnerstag, 23. August 2012

Kreuzzüge - Die Verfolgung der Katharer

Einige Fakten über Glaube, Lebensweise und das Schicksal der 'häretischen' Katharer sind hier zusammengestellt. Der nachfolgende Film von Peter Milger stellt primär die geschichtlichen Ereignisse und Zusammenhänge dar, welche in die systematische Vernichtung der Katharer nicht nur in Südfrankreich mündeten.

Es wird auch deutlich, wie sehr die Interessen eines feudalistischen Staatswesen mit dem Anlegen der sich selbst als alternativlos auffassenden katholischen Kirche verbunden waren...