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Dienstag, 16. Juli 2013

Wege aus der Depression - Kampf gegen eine Volkskrankheit

Dokumentation, 2013

Dieser Beitrag ist gut gemacht, er vermittelt Erkrankten wie mitbetroffenen Angehörigen einiges an Einblicken und Verständnis zu einem Zustand, der selbst heute noch ab und an als "grundlos traurige Verstimmtheit" bezeichnet wird.
Doch soviel ist mal sicher: Grundlos spielt sich im Bereich der Seele gar nichts ab. Doch die Zusammenhänge sind ausgesprochen komplex...

Nicht zu übersehen ist ein Kommentar eines der Mediziner im Film: Eine schwere Depression sei mindestens so gefährlich wie manche Krebserkrankung. Dabei habe der Krebskranke oft noch Hoffnung...


 

Montag, 27. August 2012

Die Geschichte christlicher Gewalt - Martin Stöhr

Einseitig aufbereitete Texte, gerade wenn sie ein kritisches, negativ besetztes Themengebiet behandeln, schätze ich nicht sonderlich. Andererseits sind Gewaltakte seitens oder auf Veranlassung religiöser Institutionen als geschichtliche Tatsache nicht von der Hand zu weisen, daher dürfen die historischen Fakten meiner Auffassung nach weder verdrängt noch ausgeblendet werden.
Doch ist es ebenso schädlich, wenn eine tendenziöse Darstellungsweise und subtile Wortwahl den Eindruck zu erwecken suchen, als sei Gewalt und Schrecken so ziemlich das einzige, was Religionen hervorgebracht hätten.

Die Abhandlung "Die Geschichte christlicher Gewalt" von Martin Stöhr eignet sich insoweit als Einstieg in die Auseinandersetzung mit einer Religion, deren Theologie eine klare Botschaft des Friedens, der Gerechtigkeit und der Gewaltlosigkeit in den Vordergrund stellt. Dass insbesondere das Alte Testament (AT) in Teilen vor Tod und Gewalt trieft, tut dem keinen Abbruch.

Unangebracht dagegen ist die "christliche Tradition, sich selbst als ’Religion der Liebe’ zu deklarieren und das Judentum mit der Rede von einem ’rachsüchtigen und gewalttätigen Gott’ abzuwerten".

Stöhr zeigt den Irrtum auf, welcher auf der Annahme beruhe, dass im AT allein  ’Krieg’ und ’Gewalt’ dominieren, während und ’Liebe’ und ’Frieden’ dem Neuen Testament vorbehalten seien.

Er beschreibt den erstaunlichen, ja unverständlichen Wandel des Christentums von einer verfolgten jüdischen Sekte bis hin zur dominanten, gewaltbereiten Staatsreligion und Konstantin 'dem Großen' und in den Jahren danach (unter Kaiser Theodosius I (379–395)).
Für Konstantin zählte dabei nur, welcher der militärisch stärkere Gott war und welche Gruppierung als politischer Machtfaktor zu berücksichtigen war.  

Für ihn galt das selbe Prinzip wie für viele weltliche Machthaber nach ihm: Eine verbündete und vor allem einheitlichen Religion und kirchlicher Monopolanspruch stärkten den eigenen Machtbereich ganz erheblich. Unter Theodosius I. sei eine theologisch korrekte christliche Lehre zum Staatsgesetz erhoben worden. Was eine Irrlehre ist, definierten die Bischöfe oder Synoden.

Die Verfolgung der Häretiker, später der Heiden und Juden, wird zur Aufgabe der staatlichen Gewalt oder des Volkes, dem man Sündenböcke zeigt...

Stöhr betont allerdings, dass der Wunsch einer einheitlichen christlichen Religion auch auf einer tiefen christlichen Sehnsucht beruhte: ’auf dass alle eins seien’.
Doch zugleich manipulierten die machtbewußten Eliten auf klerikaler wie säkularer Seite geschickt den Zorn der entstehenden 'römischen' Kirche gegen Andersgläubige für ihre Zwecke, der "zuerst den Häretikern, dann den Heiden und zuletzt den Juden" gegolten habe.

Das Verhältnis zwischen Christen- und Judentum wird durch katholische Polemik gegen das Judentum auf die Ablehnung und spätere Hinrichtung Jesu "durch das jüdische Volk" reduziert. Dieser kollektive Vorwurf soll die römische Staatsgewalt ent- und das  das jüdische Volk belasten.
"Diese christlichen Bündnisse mit der Staatsmacht auf Kosten des Judentums vergiften die jüdisch-christlichen Beziehungen auf fast 2000 Jahre."


Im Lauf der Jahrhunderte, so Stöhr weiter, habe eine bemerkenswerter Akzentverschiebung stattgefunden: Immer weniger sei mit dem Gebot 'Du sollst nicht morden' (so lautet offenbar die korrekte Übersetzung oder mit der biblischen Ethik gegen die Allmacht weltlicher Herrscher argumentiert worden. Die Aufforderung aus der Apostelgeschichte ’...man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!’(Apg 5,29) trat hinter einen verkürzten Vers aus dem Römerbrief zurück: ’Seid untertan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat’ 1 .


Auch Karl der Grosse (768–814) knüpfte erneut an die Traditionen des römischen Reiches an - er war bestrebt, die religiöse Einheit in seinem Reich zu erwirken und stellte zugleich Kirche und Religion in den Dienst des Staates. Teile der Sachsen werden mit grausamer militärischer Gewalt unterworfen, christianisiert und 'eingegliedert'. Nicht das 'gepredigte Wort Gottes' brachte den Glauben; vielmehr wurde dieser brutalst mit Feuer und Schwert erzwungen. Heidnische Kultorte und Heiligtümer wurden weitestgehend zerstört.
Dass Karl sich Glanz und Autorität von biblischen Gestalten wie David und dem Priesterkönig Melchisedek (Gen 14, Hebr 5, 6) entlieh, blieb in der europäischen Geschichte kein Einzelfall. 

Wie aber gelang das Kunststück, die gewaltsame Nötigung andersgläubiger Menschen nicht mit Stellen aus dem AT, sondern unmittelbar aus den Evangelien zu rechtfertigen?
Unter anderem hatte der afrikanische Kirchenvater Augustinus v. Hippo in seiner Auseinandersetzung mit den Donatisten sowie seine 'Lehre vom gerechten Krieg' wertvolle Vorarbeit geleistet, indem er ein Gleichnis Jesu geschickt als als Rechtfertigung verwendete:
In der lateinischen Bibelübersetzung Vulgata wurde die Einladung Jesu zum "eschatologischen Festmahl" (Lukas 14, 23)2 an die die sozialen Außenseiter und gesellschaftlich Verachteten in Zwang verwandelt: ’Cogite intrare! Zwingt sie, einzutreten!’  

Stöhr spannt nicht nur den weiten Bogen bis zu den Kreuzzügen - er arbeitet auch heraus, wie in der Christenheit eindringliche Begrenzungen der Gewalt gefordert werden - nicht erst seit den mittelalterlichen Erneuerungs- und Armutsbewegungen. 
"Die Botschaft Jesu ist nicht ganz vergessen."
Freilich wurde ein Teil dieser Bemühungen um innerkirchliche Erneuerung (vgl. 'Franziskaner als Sozialrevolutionäre') und Rückbesinnung kategorisch als Irrlehre gebrandmarkt - insbesondere da, wo Päpste und Kurie ihren eigenen Machtanspruch in Zweifel gezogen sahen. Allgemein seien Aktionen gegen Gewalt innerhalb der christlichen Geschichte allerdings eine Minderheitenposition.-
"Mehrheitlich findet eine Anpassung an die herrschende Macht statt oder eine Instrumentalisierung isolierter christlicher Motive wie z.Zt. in der Kriegsrhetorik von George W. Bush oder bei den fanatischen Gegnern in Nordirland."
In seinem Artikel begeht Martin Stöhr nicht den häufig anzutreffenden Fehler, sich im Stiel der Boulevard-Presse auf die allgemein bekannten 'Highlights' wie Hexenverbrennung und Vernichtung der Katharer zu stürzen. Statt dessen wird eine Entwicklung hin zur biblisch scheinbar legitimierten Gewalt beschrieben.

Aus meiner Sicht ist seine Darstellung so ausgewogen, wie es ein derart heikles Thema nur zulässt.
Allerdings geraten m.E. die Attribute 'christlich' und 'römisch-katholisch' etwas durcheinander: Sofern bezüglich der ersten Jahrhunderte von christlicher statt katholischer Gewalt die Rede ist, ensteht ein pauschaler und insoweit unzutreffender Eindruck: Nicht nur unter den Gnostikern gab es sehr wohl christliche Strömungen, Gruppen und Gemeinden, die dem pazifistischen Ethos der Anfangsjahre konsequent die Treue hielten.




Anmerkungen:
Der Vers lautet vollständig: "Jedermann sei untertan der ObrigkeitA, die Gewalt über ihn hat. Denn bes ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet." (Röm 13,1 Lut,1984)

2 "Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde. (Lk 14, 23; Lut,1984)"


Sonntag, 26. August 2012

Tod und Rückkehr – Christian v. Kamp

Christian von Kamp bietet auf seiner Webseite etliche Erzählungen und Bücher zum kostenfreien Download an. Hier bewahrheitet sich das Gerücht nicht, dass Kostenloses meist von nur geringem Wert sei.

Gerne lese ich seine Erzählung “Tod und Rückkehr, die sich mit überschaubaren 49 Buchseiten an einem verregneten Nachmittag gut bewältigen lässt.

Leichte Kost? Ja und Nein:

Die in ihrer Handlung fiktionale Erzählung ist in einem gut verständlichen Sprachstil verfasst, auch werden dem Leser keine komplexen Thesen über Unsterblichkeit, Wiedergeburt und Nahtod-Erlebnisse vermittelt. Eher scheint von Kamp’s Intention darin zu liegen, dass der Leser sich bald in die geschilderte Begebenheit hineinversetzt und in gewisser Weise mitfühlt.
Inmitten einer phantasievoll berichteten Begebenheit treten subtile Wahrheiten anschaulich zutage – wobei es dem Leser überlassen bleibt, ob er sich von ihnen berühren lassen mag oder nicht.

Fragen aus der Sicht von Naturwissenschaftlern werden nicht vertieft, dadurch wird die andernorts ausgiebig behandelte Kontroverse ‘echtes Erleben oder traumähnlicher Zustand?’ ausgeklammert.

“Auf der Erde können sogar die begabtesten Wortkünstler doch nur noch stammeln und lallen, wenn es um subtilere Bereiche des Geistes und der Seele geht.”

Wie von Kamp auf einer kurz gehaltenen Webseite darlegt, sind den empirischen Wissenschaften enge Grenzen gesetzt sind, denn sie dürfen sich naturgemäß allein mit materiellen Phänomenen befassen, zu denen ein Zugang durch beobachten, Messen, Berechnen und Experimentieren herstellbar ist.-

" … er begriff, dass seine Möglichkeiten, Gefühle wahrzunehmen, sich hier in ungeahntem Maße erweitert hatten. Ja, als er ein Kind gewesen war, da war er auch noch weit offen gewesen für Gefühle, ähnlich in seiner Jugend.
Doch dem Erwachsenen war diese Fähigkeit allmählich abhanden gekommen, da war das Leben viel mehr zum „Alltag“ geworden.”

Doch mit dem Erkennen an sich ist es nicht getan. Die Erzählung Tod und Rückkehr vermittelt, wie wir den Bezug zu einem Leben im Einklang mit uns und den Menschen um uns herum Stück für Stück aufgeben. Weder Unbeschwertheit noch ein klarer Blick auf das Wesentliche stellen sich im Alltag oft ein – zu viel Hektik statt Innehalten…wie auch? ein ToDo folgt auf das andere.
Dabei entsteht meist ungewollt ein Umfeld von Lieblosigkeit; viel zu selten nehmen wir unser Gegenüber als empfindsame Persönlichkeit wahr. Auch unsere eigenen Hoffnungen, Wünsche, Empfindlichkeiten treten in den Hintergrund. Sie müssen Platz machen für ein Gefüge aus Zwängen und Verbindlichkeiten, deren Bedeutung maßlos überschätzt wird.

Sind wir dafür hier? Besteht darin der tiefere Sinn und Zweck unseres Lebens auf der Erde?
Andererseits: Die wenigsten Menschen können sich ihren beruflichen und sonstigen Verpflichtungen komplett entziehen – zu groß wäre dieser Schritt und zudem mit erheblichen Ängsten besetzt. ‘Alles schleifen lassen’ ist auch kaum das ideale Rezept für ein erfülltes, bewusstes Leben – schließlich sind viele der sich wiederholenden ‘Musts’ die Folgen unserer eigenen Entscheidungen.

Doch es besteht täglich Gelegenheit, anderen und sich selbst Freiräume zu schaffen: Es hilft schon, wenn wir nicht nur Pragmatismus und Nutzen-vs.-Risiken-Abwägungen zum alleinigen Maßstab unseres Denkens und Verhaltens werden lassen. Denn Lieblosigkeit äußert sich in solch nüchternem Kalkül, das menschliche Belange ignoriert.

Lieblosigkeit, d.h. Abwesenheit von Liebe, von uneigennütziger Hinwendung zu anderen sowie des Hineinhorchens in sich selbst führen dazu, dass Menschen sich zunehmend in persönlicher Schuld verstricken.
Von dieser Schuld, aber auch von der Rechenschaft, die jeder von uns nach seinem Lebensende wird abgeben müssen, handelt diese Erzählung.

Doch das ‘wirkliche Leben’ spielt anders als jede noch so gute Erzählung. Es macht mich betroffen und traurig: Wenn wir wirklich hier sind, um uns selbst zu erkennen und “bedingungslos lieben … lieben … lieben” zu lernen, dann – so scheint mir nach einem Blick auf die Welt, meine nähere Umgebung und zuletzt in den Spiegel – sind wir fast alle wohl dabei, dieses Klassenziel gründlich zu verfehlen.-

 

Mit manchen Überlegungen über die ‘Relativität des Leidens’ vermag ich mich nur schwer anzufreunden:

“Wenn man aber die Zeit des Erdenlebens nur als die erste Sekunde des gesamten Lebens erkannte: Was bedeutete diese Sekunde dann, selbst wenn sie noch so erfüllt war mit Leid?

Die Ewigkeit glich doch dieses Leiden wieder aus, überwog es unendlich; machte es zwar nicht ungeschehen, aber schenkte soviel Seligkeit, daß der erlittene irdische Schmerz klein wurde.”

Beneidenswert ist, wer so viel Weitsicht und Abstraktionsvermögen aufbringt. So lange das Ich sich dieser Ewigkeit nicht bewusst ist und sie nicht als Gewissheit empfindet, können Tage voller Leid und Wochen der Leere sehr lange erscheinen. Gegenwärtig bleibt vielen Menschen allein die Hoffnung auf ein positives, erfülltes Jenseits…doch deren Wirkungspotenzial ist nicht zu unterschätzen.